Unser Ziel: Reduktion von Rodentiziden

Die Wiener Umweltanwaltschaft leitet seit Herbst 2023 eine Arbeitsgruppe zur Reduktion des Biozid-Einsatzes in Wien, wie sie im Rahmen der Wiener Strategie zur Pestizid-Minimierung bereits vorgesehen wurde. Als erstes Thema wurden Rodentizide und die Optimierung des Rattenmanagements ausgewählt. Die zur Rattenbekämpfung häufig eingesetzten Antikoagulantien der zweiten Generation sind hochgradig ökotoxisch und bioakkumulierend. Sie führen mitunter auch zu Vergiftungen von naturschutzrechtlich streng geschützten Feldhamstern, die ab und an auch an Rattenködern nagen. Ebenso sind Tiere betroffen, die Ratten erbeuten und fressen wie z.B. Füchse oder Greifvögel. Wirkstoffrückstände konnten auch schon in Gewässersedimenten und Fischen gefunden werden.

Ausarbeitung von Maßnahmen

Im Jahr 2024 wurden internationale Best Practice Beispiele aus anderen Städten gescreent und der Arbeitsgruppe vorgestellt. Die Koordinatoren des Rattenmanagements von Bonn und Zürich wurden als besonders engagierte Ansprechpartner in die Arbeitsgruppe eingeladen, um ihre erfolgreichen Maßnahmen der letzten Jahre zu präsentieren.
In weiterer Folge erarbeitete die Arbeitsgruppe unterschiedliche Maßnahmen, um langfristig den Einsatz von Rodentiziden zu verringern und das Rattenmanagement in Wien umweltverträglicher zu gestalten.

Besonders wichtig: eine zentrale Koordinierungsstelle

Die Recherchen und der Austausch in der Arbeitsgruppe zeigten, dass die Implementierung einer zentralen Anlaufstelle für das urbane Rattenmanagement die wichtigste Maßnahme zur Reduktion des Einsatzes von Rodentiziden ist. Bei dieser zentralen Koordinierungsstelle könnten in Zukunft alle Rattensichtungen zusammenlaufen und die notwendigen Schritte – insbesondere auch die Ursachenfindung und -beseitigung – gezielt und rasch gesetzt werden. Die schnelle Umsetzung würde zu einem Rückgang der Anzahl an Ratten bei gleichzeitiger Reduktion des Rodentizid-Einsatzes führen.
Die Koordinierungsstelle könnte durch ein Monitoring von Ratten-Hotspots nicht nur Ursachen finden, sondern auch Präventionsmaßnahmen setzen. Das ist besonders in Gebieten, in denen geschützte Arten vorkommen, wichtig.

Bewusstseinsbildung

Ratte Benedikt Heger kleinEinige Maßnahmen betreffen die Bewusstseinsbildung. Eine unsachgemäße Abfallentsorgung, überfüllte, offenstehende Müllcontainer und überschießende Vogel- bzw. Tierfütterung tragen maßgeblich dazu bei, dass sich Ratten aufgrund ausreichender Nahrungsverfügbarkeit stark vermehren können. Der Entzug der Nahrungsgrundlage ist der effektivste Weg, um Rattenpopulationen zu reduzieren. Da auch geschützte Arten (z.B. Feldhamster) Rattenköder fressen, ist Bewusstseinsbildung in Gebieten, wo diese leben, besonders wichtig. Dort könnten Müllcontainer mit auffälligen Stickern versehen werden, die Bürger*innen daran erinnern, die Deckel richtig zu schließen, um das Entweichen von Abfällen und somit das mögliche Anlocken von Ratten zu verhindern. Des Weiteren empfehlen Expert*innen die Aufstellung von Informationstafeln in den betroffenen Gebieten. Diese Tafeln sollen auf die Bedeutung des Artenschutzes hinweisen und gleichzeitig konkrete Tipps und Verhaltensregeln zur Verhinderung von Rattenbefall geben.

Ebenfalls wichtig ist der Kontakt mit Eigentümer*innen und Hausverwaltungen in Feldhamstergebieten. Expert*innen könnten einen Informationsflyer erstellen und diesen den Hausverwaltungen und den Anrainer*innen zu Verfügung stellen.

Novelle der Wiener Rattenverordnung

Die Arbeitsgruppe hat auch herausgearbeitet, dass eine Novelle der Wiener Rattenverordnung sinnvoll wäre, die auch den Schädlingsbekämpfer*innen eine Meldepflicht von Rattensichtungen und möglichen Ursachen eines erhöhten Aufkommens auferlegt. Die Einführung einer solchen Meldepflicht für Schädlingsbekämpfer*innen könnte ein qualitativ hochwertiges Befallsmonitoring ermöglichen, Hotspots der Rattenvorkommen sichtbar machen und eine gezielte Ursachenforschung und -beseitigung erleichtern.

Feldhamstergebiete in Wien schützen

hamster walter domoracky kleinDer Schutz des Feldhamsters und die Bekämpfung von Ratten sind zwei verschiedene Herausforderungen, die jedoch zusammenhängen. Die Lebensweise von Ratten und Feldhamstern überschneidet sich teilweise. Feldhamster fressen mitunter auch Rattenköder und können sich dabei vergiften. Würde man aber auf die Bekämpfung der Ratten verzichten, so könnten sie sich ungehindert vermehren und die Feldhamster verdrängen. Daher braucht es für eine effektive Rattenbekämpfung, die gleichzeitig den Feldhamster und andere wildlebende Tiere in der Stadt nicht gefährdet, innovative und naturschutzfreundliche Lösungsansätze. In diesem Kontext arbeiten sowohl die stadtinternen Organisationen, als auch Schädlingsbekämpfungsunternehmen daran, alternative Methoden zur Rattenbekämpfung zu entwickeln und diese auf deren Umsetzbarkeit und naturschutzrechtliche Aspekte zu prüfen.
Des Weiteren empfehlen die Expert*innen eine Grünflächenpflege, die auf die Bedürfnisse des Feldhamsters abgestimmt ist und so einen Beitrag zur Förderung der streng geschützten Tiere leistet.

Neue Rodentizid-Sachkundeverordnung

In der Arbeitsgruppe wurde auch diskutiert, wer Biozide einsetzen darf und ob der Zugang zu den teils hochtoxischen und persistenten Wirkstoffen ausreichend eingeschränkt ist. Die Beschränkung zugelassener Wirkstoffe/Produkte auf bestimmte Nutzer*innengruppen ist Bundessache. Um einen fachgerechten und sorgfältigen Umgang mit antikoagulanten Rodentiziden zu gewährleisten, tritt ab 1. Jänner 2026 die neue Rodentizid-Sachkundeverordnung in Kraft, die für berufsmäßige Verwender*innen und Vertreiber*innen verpflichtende Sachkundeschulungen vorschreibt. Diese Neuerung wurde von der Arbeitsgruppe unterstützt und ausdrücklich begrüßt.

Rattenmanagement ist und bleibt komplex

Die erarbeiteten Maßnahmen verdeutlichen, dass das urbane Rattenmanagement eine komplexe Herausforderung darstellt und ein effektives Zusammenspiel verschiedener Organisationen erfordert. In vielen Bereichen können Maßnahmen gesetzt werden, die Schritt für Schritt zu einer Reduktion der Rodentizide beitragen.
Jede*r Einzelne kann einen Beitrag zur langfristigen Verhinderung eines Rattenbefalls leisten: Durch ordnungsgemäße Abfallentsorgung, Vermeidung von Tierfütterung, usw. Auf diese Weise wird der Einsatz von Rodentiziden mit sehr langlebigen und bioakkumulierenden Eigenschaften verringert, der Tier- und Umweltschutz gefördert und die Gesundheit der Wiener*innen gewahrt.

 

Weiterführende Informationen

Studie der WUA zu Rodentiziden

„Ratten in der Stadt – ein komplexes Thema“ – mit Tipps was jede*r tun kann

© Foto: Bild 1: Benedikt Heger, Bild 2: Walter Domoracky

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