Zunehmend kann der Einsatz von Mooswänden in Geschäften, Gastronomie bzw. im öffentlichen Raum beobachtet werden. Zahlreiche Unternehmen werben mit den positiven Eigenschaften von künstlich geschaffenen Wänden und Bildern aus Moos – insbesondere sollen sie zur Stressreduktion, Konzentrationssteigerung sowie Regulation der Luftfeuchtigkeit beitragen.
Wertvoller Mikrokosmos im Wald, aber tot an der Wand
Bei einem Moospolster handelt es sich um einen kleinen Mikrokosmos, welcher allein in einem Kubikdezimeter Moos tausende Kleinstlebewesen wie Bärtierchen, Moosmilben, Blaualgen oder Pilze beheimatet. Die aus der Natur entnommenen Moose und sämtliche Kleinstlebewesen sterben in Innenräumen bald ab und die Polster würden spätestens nach einem halben Jahr braun werden. Um ihre grüne Farbe nicht zu verlieren, müssen sie daher abgetötet werden. Dies geschieht entweder durch Wasserentzug mit Glycerin, aber auch mit anderen, potenziell gesundheitsschädlichen Substanzen. Meist werden die Moose zusätzlich nachträglich gefärbt. Eine frisch applizierte Mooswand riecht unangenehm. Entgegen den gängigen Werbeversprechen produzieren Mooswände mit toten Moosen keinen Sauerstoff und reinigen weder die Raumluft, noch können sie die Luftfeuchtigkeit verändern. Auch Versuche, Moose in Innenräumen am Leben zu erhalten, sind bislang in einer Reihe von Forschungsprojekten gescheitert.
Eine Zucht von Moosen in größeren Mengen ist bisher nicht möglich. Mit der Entnahme von Moosen aus ihrem natürlichen Lebensraum wird ein (den meisten Menschen unbekannter) Teil der Biodiversität zerstört, der unsere Wälder gesund hält. Moose sind auch ein wichtiger Wasserspeicher und regulieren den Nährstoffhaushalt in ihren Lebensräumen. Die Abgabe von Wasser aus dem Moos an die natürliche Umgebung erfolgt langsam. Moose erfüllen somit eine wichtige Rückhaltefunktion für unsere Ökosysteme, beeinflussen das Mikroklima positiv und können selbst Überschwemmung abmildern.
Moose wachsen sehr langsam – ein Weißmoosstämmchen wächst beispielsweise nur einen halben Zentimeter pro Jahr. Ein einzelner Kugelmoospolster ist daher meist über 10 Jahre alt. Natürliche Moospopulationen können eine große Anzahl entnommener Individuen selbst längerfristig nicht ausgleichen. Zudem verändert sich durch die Entnahme das Mikroklima in der unmittelbaren Umgebung der verbliebenen Moospölster, welche in weiterer Folge oft absterben. Eine „nachhaltige“ Ernte, welche von einigen Unternehmen im Hinblick auf die Produktion von Mooswänden beworben wird, gibt es somit nicht.
Die rechtliche Situation
Nicht zuletzt aus diesem Grund stehen einige, der derzeit verwendeten Arten, unter europarechtlichem Schutz. Anhang V der Flora-Fauna-Habitat Richtlinie 92/43/EWG vom 21. Mai 1992 („FFH-RL“) listet Tier- und Pflanzenarten auf, deren Rückgang und Gefährdung vor allem durch die Entnahme aus der Natur verursacht wurde und die daher vor weiterer unkontrollierter Entnahme geschützt werden müssen.
Das für Mooswände häufig eingesetzte Weißmoos (Leucobryum glaucum) ist beispielsweise von Anhang V der FFH-RL umfasst. Der Erhaltungszustand dieser Moosart hat sich in Österreich (und auch auf europäischer Ebene) mittlerweile verschlechtert – von „günstig“ (FV: favourable) aus dem Jahr 2013 auf „ungünstig-unzureichend“ (U1: unfavourable-decreasing). Einer der dafür angeführten Gründe war die zunehmende illegale Entnahme von Weißmoos aus den Wäldern.
Im Hinblick auf das Bundesland Wien kann die Landesregierung gemäß § 10 Absatz 7 Wiener Naturschutzgesetz durch Verordnung geeignete Maßnahmen – wie z. B. ein zeitlich und örtlich beschränktes Entnahmeverbot – für nach Anhang V der FFH-RL geschützte Arten vorsehen, um den günstigen Erhaltungszustand der jeweiligen Spezies aufrecht zu erhalten.
Die Erlassung einer solchen Verordnung war jedoch für Wien bisher nicht notwendig, da das Sammeln wildwachsender Pflanzen oder Pflanzenteile oder das Handeln mit solchen bei großen Mengen durch ein Verbot bzw. eine Bewilligungspflicht gemäß § 14 Wiener Naturschutzgesetz abgedeckt ist.
Bitte Moose in der Natur leben lassen!
Es liegt somit auch an uns Konsument*innen, auf den Kauf einer Mooswand bzw. von sonstigen Moosprodukten, sowie auf das Sammeln von Moosen zu verzichten und sich an den Moosen in ihrer natürlichen Umgebung zu erfreuen.
© Fotos: Benedikt Heger
