Radioaktivität kann der Mensch mit seinen Sinnen nicht wahrnehmen und selbst bei den Dosen, die bei den schwersten Unfällen in der unmittelbaren Umgebung frei werden, sterben die Betroffenen in den seltensten Fällen sofort. Selbst jene Menschen, die in Tschernobyl unter Einsatz ihres Lebens und im vollen Bewusstsein des unabwendbaren eigenen Todes noch Schlimmeres verhindert haben, verstarben erst nach einigen Tagen. Die Auswirkungen sind statistischer Natur und treten oftmals mit jahrelanger Verzögerung ein. Es sind Auswirkungen wie etwa Krebs, die auch viele andere Ursachen haben können und somit nie direkt einem Ereignis zugeordnet werden müssen.

Zum Glück gibt es nicht viele Menschen, die in einer 200 Kilometer Zone um ein havariertes KKW wohnen und somit nur begrenzte Untersuchungsergebnisse. Daher muss man wohl noch länger erdulden, dass von Experten – die sich erstaunlicher Weise trotz äußerst günstiger Preise nie auch nur um ein Ferienhaus in den landschaftlich unbestritten schönen Gebieten rund um die Stadt Prypjat oder in der Präfektur Fukushima bemühen – betont wird, dass Auswirkungen ganz überwiegend psychisch sind. Probleme also, die daher rühren, dass die Betroffenen denselben Experten, die immer gesagt haben, dass nichts passieren kann, jetzt nicht glauben wollen, dass wieder alles in Ordnung ist.

Es wäre dennoch falsch zu sagen, dass nach Fukushima nichts passiert ist und die Nuklearindustrie einfach weiter von einer Renaissance träumt und es genug Entscheidungsträger gibt, die diese Luftschlösser attraktiv genug finden, um sie mit Milliarden Euro öffentlicher Gelder zu Betonburgen werden zu lassen. In Europa gab es die Stresstests und auch sonst auf der Welt wurden die bis zum 11. März 2011 als absolut sicher angesehenen KKW noch einmal einer Überprüfung unterzogen. Mit einigen kleinen Korrekturen scheinen nun endgültig alle absolut sicher zu sein. Zumindest bis zum nächsten Unfall.

Und gerade deshalb ist es zum Jahrestag der Katastrophe notwendig zu erinnern. Zum wievielten Mal auch immer zu wiederholen, dass Kernenergie eine denkbar teure Form der Stromerzeugung ist – was nicht über die Stromrechnung beglichen wird zahlt man verdeckt über allgemeine Steuern. Zum wievielten Mal auch immer zu wiederholen, dass selbst tausend KKW (heute gibt es weltweit 435 in Betrieb) viel zu wenig wären, um zum Erreichen der CO2 Ziele, adäquat ihrer Gefahren, beizutragen. Zum wievielten Mal auch immer zu wiederholen, dass es immer wieder Unfälle geben wird, solange die Technologie genutzt wird. Zum wievielten Mal auch immer zu wiederholen, dass für diese drei oder vier Prozent unseres Energiebedarfs, die durch Kernenergie gedeckt werden noch zehntausende Generationen mit dem Problem des radioaktiven Abfalls belastet sein werden.

Es ist notwendig aus Respekt vor den betroffenen Menschen rund um Fukushima, rund um Tschernobyl, rund um Sellafield, rund um Majak und vielen anderen Orten auf dieser Welt. Orten, denen gemeinsam ist, dass menschengemachte radioaktive Verseuchung zum Tod von Menschen führt. Ein Tod, dessen Ursache in den meisten Fällen nicht anerkannt wird. Ein unnötiger und dummer. Ein, alle Kernkraftbefürworter, beschämender Tod.

 

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