Archivmeldung der Rathauskorrespondenz vom 18.8.2005

Utl.: Umweltstadträtin Sima erteilt Mochovce-Ausbauplänen klare Absage

Wien (RK). Eine klare Absage erteilt Umweltstadträtin Ulli Sima den nun bekannt gewordenen Ausbauplänen für das AKW Mochovce. Der italienische Stromkonzern Enel will rund 1,6 Mrd Euro in die Fertigstellung der Blöcke 3 und 4 des Atomkraftwerkes investieren. Sima fordert die Bundesregierung auf, auf EU-Ebene umgehend Verbündete im Kampf gegen diese Pläne zu suchen. "Mochovce liegt nur 150 km von Wien entfernt, der Reaktortyp WWER-440/213 hat eine Reihe von schweren Konstruktionsmängeln und stellt für Wien eine reale Bedrohung dar, jeglicher Weiterausbau ist inakzeptabel", betonte Sima heute, Donnerstag, bei einem gemeinsamen Pressegespräch mit der Wiener Umweltanwältin Andrea Schnattinger. Die Stadt Wien setzt indes auf Kooperation mit den slowakischen Nachbarn in Sachen Alternativer Energieträger und will diese künftig verstärken. "Die Wiener Umweltanwaltschaft unterstützt aus diesem Grund zahlreiche Projekte in der Slowakei, etwa Schulpartnerschaften. Zudem wird auch die Solarthermie in der Slowakei gefördert", erläutert Schnattinger die aktuellen Projekte. Für Umweltstadträtin Sima ist die Kooperation mit den slowakischen Nachbarn der zentrale Hebel einer aktiven Anti-Atom- Politik, es soll ein Umdenkprozess eingeleitet werden, zudem werden mit Projekten ganz konkret alternative Energieträger unterstützt. So setzt Wien auch auf das Potential der Kleinwasserkraft in der Slowakei, am 14. September findet in Bratislava dazu auf Initiative Wiens ein hochkarätiges Expertentreffen statt.****

Zwtl.: Nach italienischen Atomausstieg Enel-Engagement in Mochovce und Bohunice

"Italien hat bekanntlich 1987 per Volksabstimmung beschlossen, auf Atomstrom zu verzichten und seine vier AKWs stillgelegt. Nun will sich der italienische Stromversorger ganz offensichtlich im Ausland, konkret in der Slowakei, in Sachen Nuklearenergie betätigen, dies ist völlig inakzeptabel", stellt Sima klar, es müssen dazu auf EU-Ebene entsprechende Schritte dagegen unternommen werden. Reaktor 1 und 2 des slowakischen AKWs Mochovce sind seit 1998 bzw. 2000 in Betrieb, es handelt sich um einen sowjetischen Druckwasserreaktor mit zahlreichen Konstruktionsmängeln: So fehlt beispielsweise ein Volldruck- Containment, das bei einem Unfall den Austritt von Radioaktivität verhindern bzw. verzögern soll. Solch eine Schutzhülle ist für moderne westliche Reaktoren obligat. Stattdessen gibt es ein sogenanntes Druckabbausystem, dessen Wirkungsweise ungetestet ist. Es hält jedenfalls einem Flugzeugabsturz nicht stand. Neben dem Bau von Block 3 und 4 in Mochovce plant der italiensche Stromkonzern Enel auch eine Erhöhung der Stromproduktion der Blöcke 1 und 2 und zudem auch einen Kapazitätsausbau des AKW Bohunice um 78 Millionen Euro. Bohunice liegt 110 km von Wien entfernt. Die zwei Blöcke von V1-Bohunice sind komplett veraltete Druckwasserreaktoren vom Typ WWER-440/230 und zählen zu den sogenannten Hochrisikoreaktoren ("high risk reactors").

Die slowakische Regierung hat sich beim Abschluss des EU- Beitrittsvertrags mit der EU auf die Schließungsdaten 2006 bzw. 2008 für die beiden Reaktoren von Bohunice V-1 geeinigt. Die Slowakei ist demnach verpflichtet, den Reaktor 1 bis 31. Dezember 2006 und den Reaktor 2 des KKW Bohunice V1 bis 31. Dezember 2008 abzuschalten und die Reaktoren anschließend stillzulegen. Dafür erhält sie zwischen 2004 - 2006 von der EU eine Finanzhilfe in der Höhe von 90 Millionen Euro für die Arbeiten zur Stilllegung, die auch über 2006 fortgesetzt werden soll.

Zwtl.: Stadt Wien setzt auf Kooperation

Im Kampf gegen grenznahe Atomkraftwerke setzt die Stadt Wien auf Aufklärung und die Unterstützung konkreter Projekte bei alternativen Energieträgern.

1) Das Projekt Solar-Strat fördert Solarthermie in Wien und in der Slowakei

Solarstrat forciert durch Know-how-transfer die Solarthermie in der Slowakei.

Die Wiener Umweltanwaltschaft (WUA) hat ein Demonstrationsprojekt auf einer Schule in Kolarovo initiiert, dabei wird eine thermische Solaranlage für die Warmwassererzeugung der Sporthalle errichtet. "Die zweireihige Kollektoranlage mit insgesamt 20 m² wird auf dem Flachdach der Turnhalle installiert. Pro Tag kann die Anlage im Sommerhalbjahr ca. 1.000 Liter Wasser auf bis zu 45 Grad erhitzen, was für den Warmwasserbedarf zum Duschen und Händewaschen in der Sporthalle ausreicht", erläutert Umweltanwältin Andrea Schnattinger das Projekt. Sollte die gespeicherte Sonnenenergie nach einer Woche Regenwetter zur Neige gehen, schalten sich automatisch elektrische Heizschlangen ein. Im Winter wird das durch Fernwärme bereitete Warmwasser ebenfalls durch das Solarsystem unterstützt. Die Anlage wird durch die WUA finanziert und von österreichischen und slowakischen ExpertInnen geplant und errichtet. Die Kosten werden sich auf ca. 10.000 Euro belaufen. Mit der Errichtung wird im Herbst 2005 begonnen.

2) Kleinwasserkraft in der Slowakei

Neben der Solarthermie will die Stadt Wien auch das Potential der Kleinwasserkraft in der Slowakei auszunützen. "Die Wiener Wasserwerke verfügen über großes Know-How in diesem Bereich. Dieses Wissen soll den slowakischen Partnern vermittelt und gleichzeitig sollen die Möglichkeiten der Förderung diskutiert werden", erläutert dazu Umweltstadträtin Ulli Sima und kündigte in diesem Zusammenhang eine Expertentagung zu diesem Thema am 14. September in Bratislava an.

Ein Gebiet, auf dem die Wiener Wasserwerke jahrzehntelange Erfahrung haben, sind die Trinkwasserkraftwerke. Die MA 31 betreibt derzeit in den Quellgebieten der I. und II. Hochquellenleitung 11 Trinkwasserkraftwerke mit einer Gesamtkapazität an Leistung von 2.600 kW. Die jährlich erzeugte Menge an Energie beträgt ca. 18.000 MWh. An der II. Wiener Hochquellenleitung sind zwei weitere Kraftwerke situiert, welche von Wienstrom betrieben werden. Die Gesamtleistung beträgt 6.400 kW mit einer Jahresenergiemenge von ca. 45.000 MWh. Das Kleinwasserkraftwerk Nußdorf in Wien versorgt 10.000 Haushalte mit umweltfreundlichem Öko-Strom. Dieses zukunftsweisende Projekt wurde mit dem Climate Star 2004 ausgezeichnet.

In der Slowakei sind zur Zeit 195 Anlagen der Kleinwasserkraft mit einer Leistung von 95,8 MW in Betrieb. Im Vergleich dazu gibt es in Österreich 1.123 Anlagen mit einer Leistung von 894 MW.

In einer Studie wurden insgesamt 75 Standorte für mögliche Kleinwasserkraftanlagen untersucht, wobei 22 Anlagen aufgrund verschiedener Kriterien ausgeschlossen wurden, bei diesen wären hauptsächlich teure ökologische Ausgleichmaßnahmen erforderlich. 53 Anlagen wurden im Rahmen der Studie tatsächlich untersucht, vorwiegend an den Flüssen Hornad, Poprad, Vah und Hron. Die Leistung der Anlagen liegt im Bereich 0,2 bis 5,4 MW. Das Potential für die Errichtung und Revitalisierung von Kleinwasserkraftwerken (weniger als 10 MW) in der Slowakei ist durchaus vorhanden, es wird aber laut Schnattinger aufgrund aufwendiger administrativer Prozesse, schwerer Verfügbarkeit von Finanzkapital und fehlender umweltpolitischer Förderinstrumente bislang nicht ausgeschöpft.

3) Schulprojekt DIRECT II

Gemeinsam mit Global2000, Südwind und AEE wird ein einjähriges Interreg IIIA - Projekt mit dem Titel VIPNet (Vienna Project for an Environmental Education Network with Bratislava) initiiert. Bei diesem Nachfolgeprojekt von DIRECT handelt es sich ebenfalls um ein Schulprojekt, das bilaterale Schulpartnerschaften mit den Themen Energiesparen und Alternativenergieerzeugung ermöglicht. Das Projekt wird voraussichtlich im Februar 2006 starten. Das Projekt ist in zwei Phasen gegliedert. In der ersten Phase werden die LehrerInnen ("Train the Trainer") geschult. Erst danach wird der Fokus auf die Schulklassen gelenkt. "In Zusammenarbeit mit unserem slowakischen Partner, dem Pädagogischen Institut Bratislava wird ein Schulmaterialienkoffer zum Thema Energiesparen und Alternativenergieerzeugung erstellt, ganz nach dem Vorbild des erfolgreichen Wiener Solarkoffers", erläutert Schnattinger. Der slowakische "Energiekoffer" soll nicht trockene Theorie vermitteln, sondern vielmehr Energieexperimente beinhalten, die die Schüler zum Energiesparen anregen und für erneuerbare Energien interessieren. "Selbstverständlich soll er auch nach dem Projekt für LehrerInnen und SchülerInnen zur Bewusstseinsbildung zur Verfügung stehen und stellt daher einen zentralen Punkt unseres Projektes dar", so Schnattinger. Den LehrerInnen wird der neue "Energiekoffer" im Rahmen eines gemeinsamen Seminars präsentiert. LehrerInnenfortbildungen im Haus Wien Energie und zwei bilaterale LehrerInnentreffen sind ebenfalls geplant.

In der zweiten Phase des Projektes sollen Schulpartnerschaften gebildet werden, die durch eine Internetkooperation und einer gemeinsamen Homepage der Klassen unterstützt werden. Zusätzlich sind zwei bilaterale Klassentreffen geplant, wo sich die SchülerInnen austauschen können und eine Exkursion zum Windpark Bruck unternommen wird. Ferner werden zusätzliche Schulaktionen auf österreichischer und slowakischer Seite gesetzt, wie das Umsetzen konkreter Energiesparmaßnahmen in den Schulen (in Form von "Energiedetektiven"), Exkursionen zum Thema "Erneuerbarer Energien" im technischen Museum, Projektwochen mit Ausstellungen von NGOs sowie ein Energiequiz im Haus Wien Energie mit Energiesparrundgängen. Für die Wiener Schulen ist eine Sendung im Schülerradio 1.476 kHz geplant. SchülerInnen können Interviews und Berichte auf Mittelwelle vorstellen, die auch in der Slowakei mitverfolgt werden können.

Zwtl.: Atömchen-Homepage für Kinder unter www.atom4kids.net/

Die im Rahmen des Interreg-III A-Projektes "Direct" entwickelte Homepage für Kinder zum Thema "Strahlenschutz" ist nun auch in slowakischer Sprache verfügbar. Ein erstes Feedback von LehrerInnen auf die Homepage ist äußerst positiv. Die Atömchen- Poster - die von der WUA gemeinsam mit AUVA entwickelt wurden - werden von den Helfern Wiens in den Schulkassen verteilt, die die SchülerInnen zum Thema "Sicherheit im Alltag" besuchen.

Zwtl.: "Umweltbewusstsein schon bei den Kindern fördern"

"Ich freue mich über diese Anti-Atom-Projekte mit unseren Nachbarn, vor allem im Schulbereich. Denn wie in allen Bereichen der Umweltpolitik bin ich davon überzeugt, dass man bei den Kindern und Jugendlichen ansetzen muss, um eine Bewusstseinsbildung zu erreichen. In Wien gibt es dazu eine Vielzahl von Umweltbildungsangeboten, ein "Export" eines Teils davon zu unseren slowakischen Nachbarn ist sicher zielführend", so Umweltstadträtin Ulli Sima abschließend.

(Schluss) vor

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